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Junkies, ein neues Auto und meine Frau

Wie ich Drogenfahnder wurde? Einfach Sache. Auf der Polizeischule gab es damals nicht so viel Auswahl. Ich wollte gern in menschliche Abgründe schauen. Aber eben eher in die der Selbstzerstörung. Das Thema Sucht hat mich schon immer fasziniert. Meine Mutter hing an der Flasche, seit ich drei Jahre alt war. Wohl einer der Gründe dafür.

Das Problem an dem Job ist, dass du ihn annimmst, weil du die verquere Vorstellung hast etwas ändern zu können. Junkies von ihrem Trip zu holen - ihnen wieder Leben und Lebenswillen einzuhauchen. Was aber passiert wirklich? Nicht viel. Eine Menge Papierkram, ein paar fluchende Junkies, ein paar Stunden in der Zelle und ehe du dich umdrehst, hat er die Nadel schon wieder im Arm. Aber so ist das - machst du den Job erst einmal eine Weile, wirst Du ihn auch weiter machen. Es entwickelt sich ein Automatismus.

Habe vorhin mal hier bei ebay.de gesucht - die Beulen im Auto sind leider mehr geworden, wir brauchen wohl ein neues Auto. Mein Nachbar findet es nicht so prickelnd, dass ich unsere Karre auf seinem Rasen abstelle. Werd schon was finden. Mir machen die Beulen nicht viel aus, aber meine Frau schämt sich, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Sie tut mir leid, deswegen gucke ich nach einem anderen Auto. Sie macht sich Sorgen um so viele Dinge, die ich für völlig unwichtig halte. Sie dreht bei einigen Dingen sowas von durch, da beschäftige ich meine Gefühle nicht einmal eine Minute mit.
Das hat wohl was mit meinem Job zu tun. ich bin total abgebrüht, aber nicht stolz darauf. Abgestumpft zu sein, heißt oft auch, dass man auch die guten Dinge nicht mehr so würdigen kann wie früher.

28.11.12 13:25, kommentieren

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Ich bleibe hier

Meiner Frau erzähle ich nichts. Meiner Tochter lese ich aus Grimms Märchen vor. Was ich tue? Ich schrieb es bereits: Drogenfahndung. Ein Begriff, mit dem jeder spätestens nach „21 Jump Street“ etwas anfangen kann. Aber in Wirklichkeit weiß doch niemand, was es bedeutet, ein Drogenfahnder zu sein. Das ist auch besser so, manches muss verborgen bleiben. Deshalb streife ich meinen Beruf wie einen Overrall in meinem Auto ab, jeden Tag, wenn ich das Ortsschild passieren, auf dem Braunschweig rot durchgestrichen ist. Ausradiert, als würde es ab dem Punkt dort kein Braunschweig, keinen Bahnhof, keine Junkies, keine Drogen mehr geben. 

Ade, aber das Scheiden tut weh. Was mich dazu treibt, nach Feierabend in einer Bar den Tag ausklingen zu lassen? Ich weiß es nicht, meine Frau weiß es nicht, meine Tochter weiß es nicht. Mein Psychologe verschreibt mir, meine Gedanken auf Papier zu bringen. Wäre der Psychologe etwas jünger, würde er einen Blog verschreiben. Doch zurück, ich bleiben in Braunschweig, lasse es klingeln und bimmeln. Finde nur mit Mühe zurück in die Heimat. Wie im Autopilot fährt mein Wagen vor die Haustür, gern hält er auch mal auf dem Gehsteig oder vor der Tür der Nachbarn. Die Beulen stören nicht, meine Frau ist besorgt, ohne Auto kein Job, wie soll ich denn nach Braunschweig kommen? Frauen machen sich häufig Sorgen. In meiner Sturm-und-Drang-Zeit hatte ich ein hübsches Ding, dass konnte nicht schlafen, weil es die ganze Nacht an morgen dachte. Da half nichts, der Film war in ihrem Kopf und lief täglich mit gleichen Horrorszenarien ab. Alle Eventualitäten wurden durchgespielt. Was mein morgen betrifft, gibt es gar nicht so viele Möglichkeiten, meist verspüre ich nur zu einem einen großen Drang.

15.11.12 15:32, kommentieren

Wenig Hoffnung für diese Welt

Mir schmeckt es, gefährlich zu leben. „Bad Lieutenant“ erzählt mehr von mir als die sich ewig wiederholene Ödnis der deutschen „Tatorte“. Wer ich bin, bleibt anonym. Doch eines kann ich sagen: Ich bin Drogenfahnder. Mein Revier ist die Bruchstraße. Ein hartes Pflaster ist auch der Bahnhof. Knöpfchen offen zum Pistolenhalfter, meist undercover, bin ich dort auf Spur der synthtischen Drogen, die gerade jeden hoffnungslosen Braunschweiger ins Delirium schießen. Von Mitleid keine Spur: Man verdient, was man bekommt. Die Geschichten der Junkies interessieren mich nicht. Bin kein Friseur, erzähl mir nichts. Ein Blick in die Augen genügt und ich kenne die Geschichte, immer dieselbe. Die Biographien der Stricher und Fixer ist stehts gleich: keine Familie, keine Freunde, keine Hoffnung auf besser Tage und der Gedanke an Flucht. Die Flucht in die wunderbare Welt der Drogen. Der Reflex zur Flucht ist ein Urinstinkt des Menschen, wer kann es ihnen also verdenken.

Nach Freierabend löse ich mich aus dem Sumpf, trete wie ein Jäger aus dem Wald, steig in mein Auto und düse in Richtung Heimat, mein Fels in der Brandung weit aushalb der Stadt. Die Stunden, die für das Pendeln draufgehen, nehme ich gern in Kauf. Schleicht man zu lange durch den Dschungel, verschlingt einen der Morast wie eine Riesenphyton, ohne Hoffnung auf Rettung. Zuviel Umgang mit Drogen ist wie Passivrauchen. Du bist high ohne die Nadel gelegt zu haben. Rettung bietet nur ein geordnetes Umfeld: Heimat.

7.11.12 21:07, kommentieren